„Erstelle mir eine moderne Website für unsere Kanzlei – mit Kontaktformular, Team-Seite und einem professionellen Design.“ Wenige Sekunden später liefert eine KI einen fertigen Entwurf. Farben, Layout, Texte und Struktur wirken auf den ersten Blick überzeugend.
Doch ist diese Website auch barrierefrei?
Kann die blinde Kollegin die Inhalte mit ihrem Screenreader erfassen? Kann ein Nutzer, der keine Maus bedienen kann, problemlos durch die Navigation gelangen? Sind Kontraste, Formulare und interaktive Elemente so umgesetzt, dass sie den Anforderungen der WCAG entsprechen?
Genau diese Fragen sind entscheidend, wenn eine Website mit KI-Unterstützung oder einem modernen Baukastensystem wie Webflow entsteht. Denn eine Website kann professionell aussehen und trotzdem digitale Barrieren enthalten.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht: Kann KI eine Website erstellen? Das kann sie. Die entscheidende Frage ist: Kann daraus eine Website werden, die für alle Menschen nutzbar ist?
Genau das habe ich mir angeschaut. Die Antwort ist differenzierter als ein einfaches „geht“ oder „geht nicht“ – sie hängt vor allem davon ab, wer mit dem System arbeitet und welches Wissen in die Umsetzung einfließt.
Das Gute: Webflow baut echten Code, keine reine Fassade
Und hier kommt zuerst das Lob, das der Sache gebührt. Viele Baukästen produzieren im Hintergrund ziemliches Chaos. Man kann sich das vorstellen wie ein Buch, das schön aussieht, aber keine Kapitelüberschriften, kein Inhaltsverzeichnis und keine Seitenzahlen hat. Ein sehendes Auge findet sich trotzdem zurecht. Ein Screenreader – das Vorleseprogramm blinder Menschen – braucht aber genau diese unsichtbare Struktur, um sagen zu können: „Das hier ist eine Überschrift, das ein Button, das die Navigation.“
Webflow macht das deutlich besser als der Durchschnitt: Was Sie visuell zusammenklicken, wird im Hintergrund in vergleichsweise sauber strukturierten Code übersetzt. Es ist eben nicht nur eine hübsche Oberfläche, sondern es entsteht eine echte technische Struktur darunter.
Dazu gibt es hilfreiche eingebaute Werkzeuge:
- Ein Audit-Panel, das darauf hinweist, wenn ein Bild keine Beschreibung hat oder Überschriften durcheinander sind.
- Einen Kontrast-Prüfer, der warnt, wenn hellgrauer Text auf weißem Grund schwer lesbar ist.
- Eine Sehbehinderungs-Vorschau, die zeigt, wie die Seite bei verschiedenen Einschränkungen der Farbwahrnehmung wirkt.
- Die Möglichkeit, ARIA-Attribute direkt über ein Eingabefeld hinzuzufügen – ganz ohne Programmierung.
Das ist eine überdurchschnittlich gute Ausgangslage. Webflow weist allerdings selbst darauf hin: Diese Werkzeuge verbessern die Qualität, sie garantieren keine vollständige Barrierefreiheit. Genau hier wird es interessant.
Reicht es, der KI zu sagen: „Bau es barrierefrei“?
Naheliegende Idee: „Ich sage der KI eben, sie soll die Seite zu 100 % barrierefrei nach WCAG 2.2 AA bauen. Erledigt.“
Schön wär’s. Sie können das durchaus als Vorgabe einbringen, und es kann das Ergebnis in die richtige Richtung lenken. Aber ein Prompt ist kein Prüfverfahren. Die KI erzeugt etwas, das nach einer guten Website aussieht, weil sie Muster aus vielen bestehenden Seiten gelernt hat. „100 % barrierefrei“ ist für sie eine Anforderung im Text – kein messbarer Zustand, den sie zuverlässig herstellen oder überprüfen kann.
Das zeigt sich schon beim Prüfen: Selbst spezialisierte, automatisierte Test-Tools finden je nach Schätzung nur rund 30 bis 40 Prozent der Barrieren einer Website – den Rest muss ein Mensch aufspüren. Es liegt nahe, dass ein Werkzeug, das eine Seite automatisch erzeugt, an ähnliche Grenzen stößt.
Und selbst wenn eine KI alle rein technischen WCAG-Kriterien erfüllen würde, wäre die Seite noch nicht barrierefrei. Vieles ist inhaltlich – und da kommt es auf den Sinn an: ob bei einem Bild irgendein Alternativtext steht oder ein sinnvoller, der es wirklich beschreibt, ob Überschriften bloß vorhanden oder wirklich verständlich sind. Das kann keine KI zuverlässig beurteilen – da muss ein Mensch mitdenken.
Die WCAG definiert dafür ganz konkrete Erfolgskriterien, etwa zu Kontrasten, Tastaturbedienbarkeit, Struktur und verständlichen Formularen. Ob eine Seite sie erfüllt, muss geprüft werden – nicht nur behauptet.
Merksatz fürs nächste Meeting: Barrierefreiheit ist ein prüfbarer Zustand, kein Wunsch, den man einer KI mitteilt.
Der eigentliche Knackpunkt: Wissen, was nachzuarbeiten ist
Jetzt kommen wir zum Herzstück – und das ist wichtiger, als es zunächst klingt.
Man könnte meinen, das Problem sei, dass man programmieren können muss. Das stimmt so nicht ganz. Vieles in Webflow lässt sich per Klick erledigen, ganz ohne Code. Der eigentliche Engpass ist ein anderer: zu wissen, was angepasst werden muss – und warum.
Ein Beispiel: Auf Ihrer Seite sitzt ein Button mit einem kleinen Lupen-Symbol, ohne Text. Webflow lässt Sie problemlos ein sogenanntes aria-label ergänzen – ein unsichtbares Textschild, das Screenreadern verrät, was der Button tut. Das Feld dafür ist da, kein Code nötig. Aber: Woher wissen Sie überhaupt, dass dieser Button so ein Label braucht? Und dass dort „Suche öffnen“ stehen sollte und nicht „Lupe“? Das steht nicht in Webflow. Das wissen Sie nur, wenn Sie die Anforderung dahinter kennen und verstehen, wie ein Screenreader eine Seite erlebt.
Genau hier brauchen viele Unternehmen Unterstützung – nicht, weil sie kein Feld ausfüllen könnten, sondern weil Barrierefreiheit ein eigenes Fachgebiet ist. Es braucht jemanden, der beides zusammenbringt: das Wissen, was die WCAG verlangt, und das Gespür dafür, wo genau eine Seite nachgebessert werden muss.
Und genau deshalb reicht der Baukasten allein nicht
Barrierefreiheit muss von Anfang an mitgedacht werden – idealerweise schon bei Planung und Design (Struktur, Kontraste, Bewegung) und später bei der Umsetzung (Tastaturbedienung, ARIA-Rollen, Lesereihenfolge).
Ein KI-gestützter Baukasten optimiert vor allem auf Geschwindigkeit: schnell ein sichtbares Ergebnis erzeugen. Die fachliche Prüfung und die notwendigen Anpassungen bleiben aber weiterhin Aufgabe der Menschen, die mit dem System arbeiten.
Das Tückische daran: Das Ergebnis sieht fertig und professionell aus. Die fehlende Zugänglichkeit fällt oft erst auf, wenn jemand mit Screenreader oder ausschließlich mit der Tastatur darauf zugreift. Bei vielen Baukasten-Seiten zeigt sich spätestens hier, ob die Umsetzung wirklich durchdacht wurde.
Fazit
Kann man mit Webflow eine Seite bauen, die WCAG 2.2 AA erfüllt? Ja – Webflow ist sogar ein überdurchschnittlich guter Ausgangspunkt, weil sauberer Code entsteht und brauchbare Prüfwerkzeuge vorhanden sind. Aber das Werkzeug allein macht eine Seite nicht barrierefrei. Entscheidend ist, dass jemand weiß, worauf es ankommt, und die Seite mit diesem Blick prüft und nacharbeitet.
Wenn Sie also mit Webflow arbeiten: nur zu. Fragen Sie nur vorher jemanden, der sich mit Barrierefreiheit auskennt, worauf Sie achten müssen – am besten, bevor die Seite steht, nicht erst danach. Genau dieser Blick von Anfang an ist mein Thema.